Der Tutzinger Diskurs „Reproduktionsmedizin und Pränataldiagnostik“ (2015/16)

Reproduktionsmedizin und Pränataldiagnostik (PND) machen immer größere Fortschritte. Insbesondere bei so genannten „Risikoschwangerschaften“ kann eine genetische PND besorgten Eltern oft Gewissheit geben. Bislang kommt genetische PND nur bei einer geringen Zahl der Schwangerschaften zum Einsatz und wird von den gesetzlichen Krankenkassen nur dann bezahlt, wenn sie medizinisch indiziert ist. Gleichwohl gehört sie als Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) zum Standardangebot der medizinischen Schwangerschaftsbegleitung und erfordert auch von denjenigen Eltern eine Auseinandersetzung mit dem Thema, die eine solche Untersuchung letztendlich nicht in Anspruch nehmen. Dasselbe gilt für Personen, die in der Schwangerschaftsberatung und -begleitung arbeiten.

Der Diskurs an der Schnittstelle von Medizin, lebenswissenschaftlicher Forschung, Sozialwissenschaften, Philosophie, Journalismus und Sozialer Arbeit trägt zur rationalen Wahrnehmung von Risiken und Chancen genetischer Pränataldiagnostik bei. Führt die Entwicklung beispielsweise hin zu einem Screeningprogramm für die Gesamtbevölkerung? Und wie beeinflusst der Einsatz der PND die Diskussion Schwangerschaft, Leben und insbesondere Behinderung? Anregungen, Antworten und Handlungsempfehlungen geben die Abschlusspublikationen:

Pränataldiagnostik im Diskurs. 23 Thesen

English Edition (translated by Dr. Bettina Schmietow): „Prenatal Diagnostics – 23 theses“

Unterrichtsmaterialien mit Leitfragen zum Thema Pränataldiagnostik (PND)


Der Tutzinger Diskurs „Gute Wissenschaft“ (2012/13)

Die moderne Wissenschaft prägt unser Menschenbild und ist Grundlage für Gesundheit und Wohlergehen der Menschheit. Inmitten aller Differenzierung der Disziplinen behält kaum jemand den Überblick, wo und unter welchen Bedingungen Wissen generiert und überprüft wird; Betrugsfälle nehmen zu. Quantitative Bewertungsverfahren steuern zunehmend die Logik der Forschung und führen zu augenfälligen Fehlentwicklungen: Leistung, die sich nicht direkt messen lässt, verliert an Wert und hat sinkende Chancen, beachtet und finanziert zu werden. Wissenschaftler und hochrangige wissenschaftliche Zeitschriften orientieren sich vermehrt an Aufmerksamkeit und wirtschaftlichen Aspekten. So fördern sie Hypes. Statt dem zentralen Wert der Freiheit der Wissenschaft zählen in wichtigen Disziplinen nun Verschwiegenheit und ökonomische Verwertbarkeit der Erkenntnisse. Reputation überstrahlt Wahrhaftigkeit. Quantität schlägt Qualität.

Was macht also „gute“ Wissenschaft aus und wie kann man diese unter den Bedingungen moderner Wissensproduktion stärken? Junge Männer und Frauen aus den Disziplinen der Lebens- und Sozialwissenschaften, der Philosophie und der Journalistik haben ein Memorandum mit Handlungsempfehlungen erarbeitet. Sie fordern von Forschungsförderung und Politi, den Wissensbetrieb zu entschleunigen, damit nicht möglichst viele Ergebnisse publiziert werden, sondern möglichst sichere.

Gute Wissenschaft braucht Freiraum, um Kreativität zu ermöglichen. Sie folgt nur selten vorgeplanten Wegen und bedarf gründlicher und daher oft langwieriger Überprüfung. Um Wissenschaft und ihre Ergebnisse kritisch zu hinterfragen, muss die Reflexion wissenschaftlichen Handelns stärker schon in die Schule, vor allem aber in die Lehre und auch in die weitere Hochschullaufbahn verankert werden. Dies erlaubt echte Teilhabe der Gesellschaft an wissenschaftlichen Erkenntnissen und steigert außerdem die Vielfalt in der Forschung.

Kurz- und die Langfassung des Memorandums zum Tutzinger Diskurs Gute Wissenschaft

Die gesamte Abschlusspublikation

Tutzinger Studien zur Politik, Band 5