Aktuelles Projekt

Pränataldiagnostik
im Diskurs

Ein Diskurs an der Schnittstelle von Medizin,
lebenswissenschaftlicher Forschung, Sozialwissenschaften, Philosophie,
Journalismus und Sozialer Arbeit über die soziale Dimension der Pränataldiagnostik (PND).

Tutzinger Diskurs
goes public

Gruppe_alle_2Nach den beiden Workshops im Juli und September veranstaltete die Diskursgruppe zur Pränataldiagnostik am 9. November im Münchner EineWeltHaus eine Tagung.

 Zuerst informierte Professorin Gabriele Gillessen-Kaesbach, Direktorin des Instituts für Humangenetik am Uniklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck über den aktuellen Forschungsstand in der PND. Anschließend folgten die mehr als 50 Teilnehmer den Ausführungen von Dr. Michael Zander von der Hochschule Magdeburg-Stendal zur Diskussion über PND in der Behindertenbewegung.

Podium_2Moderiert von der Diskursteilnehmerin Jeanne Turczynski aus der BR-Wissenschafts-Redaktion, zeigten sich in der folgenden Podiumsdiskussion verschiedene Ansätze zum Umgang mit den Chancen, Risiken und Folgen von Pränataldiagnostik. Gillessen-Kaesbach verdeutlichte, dass in der Diagnostik Ungeborener seit 1997 eine neue Ära begonnen hat. Damals war es gelungen, erstmals DNA des werdenden Lebens im Mutterblut aufzuspüren. Diese Tests liefern nun Hinweise auf Trisomie 21, 18 und 13 sowie auf Abweichungen bei der Zahl der Geschlechtschromosomen. NIPTs vermeiden damit die riskanteren Fruchtwasseruntersuchungen und können durch frühere Untersuchungen die Zahl der Spätabtreibungen verringern.

Ist die PND ein Schritt hin zu einer Gesellschaft, in der es keine Kinder mit angeborenen Behinderungen gibt? Genau diese Befürchtung äußerte der Psychologe Zander und provozierte mit seiner Forderung, die nichtinvasiven Pränataltests nicht zur Kassenleistung zu machen und die Forschungsförderung dafür zu begrenzen. Das stieß bei den anderen Diskutanten auf Skepsis. Professorin Irmgard Nippert von der Forschungsstelle für Frauengesundheitsforschung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster gestand ihm zwar zu, dass Forschung auch in eine Sackgasse laufen könne, mit einer Verbotskultur komme man aber nicht weiter. Gillessen-Kaesbach kritisierte die Situation derzeit als ungerecht, weil sich wegen der Kosten von bis zu 700 Euro für einen NIPT nicht alle Schwangeren eine Untersuchung leisten könnten. Nach Ansicht des Münchner Behindertenbeauftragten Oswald Utz werden Forschungsergebnisse auch genutzt, wenn sie erst einmal da sind.

Gibt es einen Automatismus von einem positiven Befund beim Pränatest hin zum Schwangerschaftsabbruch? Für Zander kommt die Gesellschaft nicht umhin, sich mit Behinderung auseinanderzusetzen. Er forderte eine neue Behindertenbewegung. „Die PND ist ein sekundäres Problem“ und forderte darüber hinaus: „Wir müssen vielmehr die inklusive Gesellschaft fördern.“ Mehr Unterstützung für Behinderte forderte auch Nippert. Ohne gesellschaftliche Solidarität und finanzielle Hilfe bekomme die PND einen Knacks. „Wichtig für die Eltern wäre zu wissen: egal welche Entscheidung ich treffe, ich werde unterstützt.“

Das ist aktuell nicht der Fall. Wie der Behindertenbeauftragte Utz aus seinen persönlichen Erfahrungen berichtete, ist der Zugang zu vielen Angeboten nicht möglich. „Im Münchner Alltag sind Behinderte nicht sichtbar.“ Deren gesellschaftliche Ausgrenzung mache ihm Angst. Unter lebhafter Beteiligung vieler Praktiker und Betroffener im Publikum ging es anschließend um die gesellschaftlichen Probleme bei der Wahrnehmung von Behinderung. Gillessen-Kaesbach wies noch auf eine weitere Problematik hin. Der medizinische Fortschritt bringe Befunde „en passant“ mit sich. „Wir müssen uns überlegen: was wollen wir wissen?“

Die Tagung [hier können Sie das ganze Programm einsehen] war eine Kooperationsveranstaltung gemeinsam der Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, Irmgard Badura. Nach einem weiteren Workshop Anfang Januar wird die Diskursgruppe am 3. März 2016 ihr Ergebnis an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing vorstellen.

von Miriam Zerbel

Am Rande unserer Tagung ist  dieser Beitrag zum Nachhören- bzw. Nachlesen für den Deutschlandfunk von Burkhard Schäfers entstanden.
Zur ganzen Sendung „Tag für Tag“ vom 15. Dezember 2015 zum Nachhören gelangen Sie über diesen Link.

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